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Absatzstand, Ballenlinie und Gehfalten
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re. Gast
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Verfasst am: Fr Mai 19 14:32:57 GMT 2006 Titel: Absatzstand, Ballenlinie und Gehfalten |
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Hallo,
nun eine Bitte an die Schuhmacher und die anderen Experten: Kann uns Laien vielleicht jemand evt. mit einer kleinen Handskizze erklären, warum es äußerst wichtig ist, daß die Schuhe einen korrekten Absatzstand, der Fuß an der richtigen Stelle mit der Ballenlinie auftreten soll und warum es, wenn dies nicht stimmt es u.a. zu ausgepägteren Gehfalten führen kann, und hat es noch andere Nachteile?
Ich würde mich freuen.
Es grüßt vom See
re. |
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Mike Gast
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Verfasst am: Fr Mai 26 21:53:54 GMT 2006 Titel: Schlechter Absatzstand = schlechter Stand insgesamt |
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Warum nimmt sich niemand dieses Themas an? Vielleicht weil es ein heißes Eisen ist? Zumindest existieren Massen von Schuhe, die einen hundsmiserablen Stand haben. Und vor diesem Mangel schützen auch nicht immer wohlklingende Herstellernamen. Wobei das nicht für alle gilt. Selbstverständlich gibt es nach wie vor Hersteller, die auf solche vermeintlichen "Nebensächlichkeiten" peinlich genau achten.
Und so sollte es auch sein. Wer etwas anderes meint, hat schlechterdings keine Ahnung. Und so ist die folgende, erst vor wenigen Monaten stattgefundene Begebenheit leider keine Glosse, sondern bedauernswerter Ausdruck der fachlichen Minderqualifikation mancher sogenannter (Maß-)Schuhmachermeister. Ein deutscher Maßschuhmacher antwortete, auf den schlechten Stand seiner Schuhe angesprochen: "Wieso schlechter Stand? Unsinn. Die Schuhe sind nicht zum Stehen, sondern zum Gehen gemacht." Das dieser Mann, der von Schuhbau ganz offensichtlich nicht viel Ahnung hat, sich trotzdem Maßschuhmacher nennt, ist ein Schlag ins Gesicht all derer seiner Kollegen und Kolleginnen, die sich täglich bemühen beste Arbeit zu verrichten. Aber andererseits - meiner Meinung nach - auch ein Hinweis auf die in Deutschland mehrheitlich zu erwartende Qualität von Maßschuhen. (Wer jetzt aufschreit, dem scheint dieser Schuh ja zu passen ...)
So weit mir bekannt ist, handelt es sich beim Thema "Schuhstand" oder "Absatzstand" um eine Spezialität des Forumsmitglieds Posh. Schade, dass sie sich bislang nicht dazu geäußert hat. Also will ich versuchen, es mit meinen Worten zu erklären und vielleicht kann Posh später ein paar Ergänzungen oder Zeichnungen hinzufügen. Leider kann ich es bei der Erläuterung nicht ganz vermeiden ein paar Fachbegriffe zu gebrauchen, doch hoffe ich, dass die Erklärung trotzdem auch für den Laien nachvollziehbar bleibt. Versuchen wir's:
Nachtrag: Maßschuhe Posh hat selbst erstellte, passende Zeichnungen und Fotos, für die Wikipedia (de.wikipedia.org) freigegeben ( http://de.wikipedia.org/wiki/Absatz_(Schuh) ), sodass diese auch hier unter Angabe der Quelle gezeigt werden dürfen. Alle Bilder in diesem Beitrag stammen also aus der genannten Quelle und wurden von mir nachträglich zum besseren Verständnis hier eingefügt. Hinweis: In der Zeichnung steht "BL" für Ballenlinie.
Die Natur gibt es vor
Wenn wir vom unbekleideten gesunden Fuß ausgehen, so steht dieser mit drei im Dreieck angeordneten Hauptbelastungsstellen auf dem Boden auf: Großzehenballen, Kleinzehenballen und Ferse. Diese Punkte sind durch das Fußskelett vorgegeben und werden durch spezielle Fettpolster geschützt. Drei, die Eckpunkte eines gleichschenkligen Dreieck markierenden Punkte, stellen bekanntermaßen eine sehr sichere Form des Stands dar. Bezogen auf unsere Füße kommt durch die zwischen ihnen liegenden Fußgewölbe (inneres und äußeres Längsgewölbe, vorderes Quergewölbe) noch eine gewisse Dämpfung und Federung hinzu.
Der Schuh ahmt es nach
Ein Schuh sollte die anatomischen und physiologischen Gegebenheiten unterstützen. Auf unserer Thema bezogen bedeutet das, er sollte an den gleichen Punkten Bodenkontakt aufweisen, wie ihn der unbekleidete Fuß hat. Im Bereich der Fersenpartie ist dies der Absatz und bei der Ballenpartie die sogenannte Ballenlinie. Die Ballenlinie ist die Stelle des Schuhs, wo das der Schuhweite zugrundeliegende Ballenumfangsmaß seinen Niederschlag findet. Oder anders ausgedrückt, unterhalb der anatomischen Ballenachse. Also die breiteste Stelle der Vorderteils. Die Ballenlinie sollte durch den Scheitelpunkt der Aufstandsfläche der Laufsohle gebildet werden.
Mit anderen Worten: Wenn ein Schuh einen guten Stand hat, steht die Absatzauftrittsfläche des belasteten Schuhs flächig auf und im vorderen Teil berührt der Schuh mit der Ballenlinie im Zentrum den Boden.
Die Realität sieht oft anders aus
Die Realität vieler Schuhe sieht jedoch schlecht aus: Die Auftrittsflächen der Absätze sind nicht parallel zur vorderen Aufstandsfläche, so dass entweder die hintere oder die vordere untere Absatzkante hochsteht. Oder der gesamte Absatz ist zu niedrig beziehungsweise zu hoch, wodurch sich zwangsläufig die vordere Auftrittsfläche nach hinten (Absatz zu niedrig) oder nach vorne (Absatz zu hoch) von der Ballenlinie entfernt.
Das Beispiel hier im Bild zeigt einen schrägen und zu flachen Absatz eines relativ neuen Schuhs nach der Einlaufphase:
Die Gründe
Die Ursachen für diese "schief" gebauten Schuhe können verschieden sein:
Allein der Absatz muß so konstruiert werden, dass er von der konkaven Form zur Aufnahme der Fersenkugel hin zu einer ebenen und zur Ballenlinie flächenparallelen Auftrittsfläche kommt. Dazu werden Absatzkeder und Keilflecken in Schichtabsätze eingebaut. Wird hierbei handwerklich unsauber gearbeitet kommt ein mieser Absatzstand dabei heraus. (Interessanterweise ist die korrekte Ausführung beim relativ flachen Absatz eines Herrenschuhs wesentlich schwieriger, als bei deutlich höheren Damenabsätzen.) Die Überprüfung ist recht einfach. Stellt einfach den zu prüfenden Schuh vor euch auf eine ebene Unterlage und drückt mit den Fingerspitzen im Zentrum der Fersenkugel auf den Schuhboden: Wenn jetzt etwas kippelt oder gar das ganze Vorderteil seine Position verändert, habt ihr es mit einem besch...eidenen Absatzstand zu tun.
Interessant ist oft auch ein Blick auf die Seite eines Lederschichtabsatzes: Oft erkennt man ein wildes Puzzlespiel von unterschiedlich geformten Absatzkeilflecken und unterschiedlich starken Absatzbauflecken. Anzeichen, dass man verzweifelt bemüht war, einen halbwegs anständigen Absatzstand hinzubekommen (und erfahrungsgemäß auch ein Zeichen, dass dies nicht gelungen ist).
Hat der Hersteller wenigstens Wert auf einen halbwegs korrekt stehenden Schuh gelegt, wird er den Absatz in Stand geschliffen haben. Mit anderen Worten er hat den schief gebauten Absatz gerade geschliffen. Von der Seite meist gut zu erkennen. Doch damit verkürzt er unter Umständen den Absatz in einer Weise, dass die Ballenlinie wieder nicht stimmt.
Stimmt die Sprengung der beim Schuhbau verwendeten Gelenkfeder nicht hundertprozentig mit der von der Leistensohlenbahn vorgegebenen Sprengung überein, wird die Ballenlinie verschoben und der Absatz ist plötzlich zu niedrig oder zu hoch. Im Klartext: Wenn der Leisten auf der Unterseite einen anderen Bogenradius hat als der fertige Schuh zwischen Absatz und Ballenlinie, kann die (falsche) Auftrittsfläche des Schuhs nicht mehr mit der vom Leisten vorgegebenen (richtigen) Auftrittsfläche übereinstimmen.
Oft ist auch ein falsch geformter Leisten Schuld am unzureichenden Stand des Schuhs. Wenn der Leistenmacher seine Arbeit nicht wirklich gut versteht (und das ist tatsächlich nicht bei allen Leistenmachern gewährleistet) resultiert ein Leisten, der für das geplante Schuhmodell keine vernünftige Basis für einen korrekten Absatzstand bietet. Oder, ein oft vorkommender Fehlergrund: Der Hersteller nimmt ein und den selben Leisten für ein Modell mit und eines ohne Zwischensohle. Wenn dann der Leisten von der Absatzsprengung her für das Modell ohne Zwischensohle konstruiert wurde, folgt zwangsläufig ein falscher Absatzstand, wenn darauf das gleiche Schuhmodell, dann aber mit Zwischensohle gebaut wird.
Das profane Spargründe die Ursache für zu niedrige Absätze sind, halte ich für nicht plausibel. Bei den höherpreisigen Schuhen macht der Differenzbetrag prozentual zu wenig aus, um hier einen für jeden offensichtlichen (!) Schmu zu machen, und bei den Billigheimern werden keine Lederschichtabsätze, sondern Kunststoffgußteile verwendet, wo die paar Millimeter den Kohl auch nicht fett machen. Ich vermute vielmehr Unfähigkeit als Ursache.
Die Folgen
Die Folgen solcher nachlässigen Schuhbauweise im Einzelnen zu beschreiben wäre zu weitschweifend. Ein paar skizzenartige Hinweise mögen genügen. Ist der Absatz schief wird der Fuß einseitig stärker belastet, was quasi dem permanenten Gehen auf einer schiefen Ebene entspricht. Auch ist die Auftrittphase verändert, was zu Überlastungen führen kann. Ist der Absatz zu hoch oder zu flach, ist auch die Ballenlinie falsch positioniert. Man geht sozusagen die ganze Zeit bergauf oder bergab, allerdings nur mit den Füßen, was einer Fehlbelastung entspricht und auf Dauer zur Überlastung führen kann. Eine Überlastung hat unter Umständen Deformitäten, frühzeitige Ermüdung, geringere Leistungsfähigkeit und Schmerzen zur Folge.
Der Schuh zeigt oft unnatürlich ausgeprägte Gehfalten. Der Schaft wurde ja über dem Leisten geformt und an dessen Ballenlinie ausgerichtet. Befindet sich diese jetzt woanders, und wird der Schuh durch das gewicht des Trägers belastet, steht er mehr oder minder verbogen auf. Eine unnatürliche Faltenbildung ist die zwangsläufige Folge. Speziell bei zu flachen Absätzen und einer daraus resultierenden zu weit zur Ferse verlagerten "Ballenlinie", muss der Fuß eine größere Abrollbewegung machen (vergleichbar einem Bergaufgehen), der Schaft knickt stärker ab und die Gehfalten werden tiefer.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Es ist durchaus sinnvoll vor (!) dem endgültigen Kaufentschluss noch einmal den Stand des auserwählten Schuhs zu überprüfen. Und es ist empfehlenswert seine eigenen Schuhe einmal einer diesbezüglichen Überprüfung zu unterziehen. Wenn euch dabei etwas nicht ganz richtig zu sein scheint, geht mit den Schuhen zu einem kompetenten Schuhmacher. Er wird den Stand überprüfen und euch sagen, ob und wie er ihn verbessern kann.
Im Fall des weiter oben abgebildeten Schuhs wurden neue Absatzflecken eingefügt und der Absatz gleichzeitig begradigt. Das Bild entstand vor dem abschließenden Einfärben des Absatzmantels:
Nachträgliche Änderungen der Absatzhöhe
Übrigens ist der korrekte Absatzstand auch der Grund, weshalb gute Schuhmacher nur in bestimmten Fällen dem Wunsch des Kunden entsprechen, die Absatzhöhe nachträglich zu verändern. Wie wir gesehen haben, verändert sich damit die Lage der Ballenlinie, die gesamte Schuhstatik stimmt nicht mehr und unschöne Gehfalten entstehen.
Damit meine ich jetzt nicht den Fall der zuvor angesprochenen Korrektur eines schlechten Absatzstands, sondern die umgekehrte Sachlage: Der Schuh steht einwandfrei, aber der Träger wünscht die Veränderung der Absatzhöhe.
Übung macht den Meister
Wer die Kennzeichen eines schlechten Absatzstand kennt und verstanden hat, kann mit etwas Übung auf einen Blick einen schlecht stehenden Schuh erkennen. Es kann bestimmt nichts schaden, es sich zur Gewohnheit zu machen, Schuhe auch unter diesem Gesichtpunkt zu betrachten. Was man da in manchen Katalogen, Büchern und Zeitschriften, wie auch Schaufenstern und Schuhregalen zu sehen bekommt, spottet oft jeder Beschreibung. Wer viel Übung hat, versteht es sogar mit einem flüchtigen Blick, auf einen Schuh den jemand zu diesem Zeitpunkt trägt, solche Grundpfeiler ordentlichen Schuhbaus zu beurteilen.
Grüße
Mike
Zuletzt bearbeitet von Mike am Mo Jun 5 14:37:37 GMT 2006, insgesamt 3-mal bearbeitet |
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Mike Gast
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Verfasst am: Mo Jun 5 11:30:03 GMT 2006 Titel: |
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Jetzt sind Zeichnungen zur Ballenlinie und Absatzstand und Reparaturbilder im Beitrag. Hergestellt von POSH.
Grüße
Mike |
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karl User
Anmeldungsdatum: 03.06.2006 Beiträge: 12 Wohnort: Berlin-Charlottenburg
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Verfasst am: Mo Jun 5 11:51:22 GMT 2006 Titel: Absatzstand usw. |
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Hallo posh,
einfach tolle Zeichnungen, stelle bitte mehr solcher Bilder uns zur Verfügung. Dies sind Beiträge, die uns interessieren.
Vielen Dank
Karl aus Charlottenburg |
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POSH User
Anmeldungsdatum: 11.04.2006 Beiträge: 19 Wohnort: Berlin
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Verfasst am: Mo Jun 5 12:41:50 GMT 2006 Titel: hier der fertige Schuh |
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ich hoffe, daß man erkennt, daß der Schuh nun so steht, das er beim Träger keine gesundheitliche Fehlstellung mehr verursachen kann. |
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